MR Übersetzungsliteratur
im dt. Frühhumanismus

MRFHMarburger Repertorium zur
Übersetzungsliteratur im deutschen Frühhumanismus

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Verzeichnis: [ Übersetzer ] [ Peter Eschenloer ]

 

Peter Eschenloer

Zeittafel

  • um 1420 in Nürnberg geboren (?)

  • 1442 Immatrikulation an der Artistenfakultät in Leipzig

  • 1444 Baccalaureus, 1448 Magister

  • 1447 Immatrikulation in Erfurt

  • 1450/53-55 Lehrer und Rektor der Stadtschule Görlitz

  • 1455-1481 Stadtschreiber in Breslau

  • 1481 gestorben in Breslau


Leben und Werk

Peter Eschenloer wurde vermutlich gegen 1420 in Nürnberg geboren. Nach seinem Studium an der Artistenfakultät in Leipzig und Erfurt, das er 1448 mit dem Magister abschloß, war er zunächst Lehrer und ab 1453 Rektor der Stadtschule in Görlitz, seit 1455 bekleidete er das Amt des Stadtschreibers in Breslau, wo er am 12. Mai 1481 starb. Eschenloer war wiederholt für die Stadt auswärts tätig, hierunter fallen so wichtige Missionen wie 1457 seine Reise nach Prag zu König Ladislaus, 1460 zum päpstlichen Legaten nach Wien, 1471/72 zu König Matthias Corvinus und zu Herzog Heinrich Podiebrad (Übersicht über Eschenloers Reisen bei Roth S. 13f.).

Sofern das Amt des Stadtschreiber es zuließ, nutzte Peter Eschenloer die Zeit für seine literarische Tätigkeit. 1464 übersetzte er im Auftrag des Breslauer Rates die 'Historia Bohemica' des Aeneas Silvius Piccolomini. Im Jahre 1466 übertrug er die 'Historia Hierosolymitana' des Robertus Monachus ins Deutsche, die zur selben Zeit vielleicht auch der Ulmer Arzt und Frühhumanist Heinrich Steinhöwel übersetzte (die Klärung seiner Autorschaft bleibt ein dringendes Forschungsdesiderat).

Nach der Abfassung einer lateinischen Chronik der Stadt Breslau, der 'Historia Wratislaviensis', die den Zeitraum seit dem Tode König Albrechts II. bis zum Jahre 1472 behandelt, hat Eschenloer in den siebziger Jahre noch eine erweiterte deutsche Stadtchronik Breslaus geschrieben, die den Zeitraum bis 1479 umfasst. Dieses Werk lag lange nur in einer gekürzten, sprachlich modernisierten und mit Fehlern behafteten Ausgabe von 1827/28 vor, die erst 2003 durch eine wissenschaftliche, modernen Ansprüchen genügende Edition ersetzt wurde.

Eschenloers chronistische Arbeiten wurden offenbar stark durch die 'Historia Bohemica' des Aeneas Silvio Piccolomini angeregt. Für die deutsche Fassung seiner Chronik hat er wahrscheinlich eine lateinische Schrift des Nikolaus Tempelfeld herangezogen und übersetzt, die sich entschieden gegen die Wahl des Herzogs Georg Podiebrad zum König von Böhmen ausspricht. Georg von Podiebrad war Anhänger der Lehren des Jan Hus und wurde daher von vielen Ländern und Städten in Böhmen und Schlesien nicht als König akzeptiert. Die Streitigkeiten zwischen der pro- und anti-hussitischer Bevölkerung führten zu heftigen, teils kriegerischen Auseinandersetzungen, bei denen sich Breslau mit dem ungarischen König Matthias Corvinus gegen Georg von Podiebrand verbündete. In seiner Chronik versucht Eschenloer nicht nur einen Rückblick über rund vierzig Jahre bewegte Stadtgeschichte zu geben, sondern versteht sein Werk — in Anlehnung an die gelehrte historiographische Tradition — zugleich als "Lehre und Ermahnung zu städtischer Eintracht und Rücksicht auf das Gemeinwohl" ( Roth).

Peter Eschenloer erweist sich als engagierter Chronist. Er nimmt zu den aktuellen politischen Ereignissen Stellung, vertritt die Position des Rates gegenüber anderen Ständen (Handwerkern, Geistlichen, Teilen der Bürgerschaft) und ergreift Partei für Matthias Corvinus gegen den "Ketzerkönig Georg von Podiebrad" (Menzel Sp. 631). Seine Chronik ist damit ein wichtiges politisches Dokument, "ein Spiegel der Zeit" (Markgraf) aus dem Blickwinkel eines gebildeten Breslauer Stadtschreibers. Eschenloers Chronik zählt unstreitig zu den "bedeutendsten Geschichtswerken des 15. Jahrhunderts" (Roth S. XI).

Verf.: cbk.

Literatur:

BOK, V.: Einige Bemerkungen zu Peter Eschenloers Übersetzung der 'Historia Hierosolymitana' des Robertus Monachus. In: Bentzinger, R. / Oppitz, U.-D. / Wolf, J. (Hgg.): Grundlagen. Forschungen, Editionen und Materialien zur deutschen Literatur und Sprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit (ZfdA Beiheft 18). Stuttgart 2013, S. 487-497.
Enea Piccolomini: Historia Bohemica. Bd.2: Die frühneuhochdeutsche Übersetzung (1463) des Breslauer Stadtschreibers Peter Eschenloer, hg. v. V. Bok. Köln 2005.
Historisch-biographisches Lexikon der Schweiz, 7 Bde + Suppl., Neuenburg 1921-1934 (online).
Honemann, V.: Herrscheradventus in städtischer Perspektive: Der Einzug des Königs Matthias Corvinus in Breslau 1469 und seine Darstellung in der Chronik des Peter Eschenloer. In: R. Suntrup u.a. (Hgg.): The mediation of symbol in Late Medieval and Early Modern Times. Medien der Symbolik in Spätmittelalter und Früher Neuzeit (Medieval to Early Modern Culture. Kultureller Wandel vom Mittelalter zur frühen Neuzeit 5). Frankfurt am Main u.a. 2005, S. 145-162.
Menzel, J. J.: Peter Eschenloer. In: 2VL 2 (1980), Sp. 630-632 (hier die gesamte ältere Literatur verzeichnet) u. Bd. 11 (Nachträge) Sp. 426.
Roth, G. (Hg.): Peter Eschenloer: Geschichte der Stadt Breslau. 2 Bde. (Quellen und Darstellungen zur schlesischen Geschichte 29). Münster 2003.
Schulz, A.: Einige biographische Nachrichten über den Breslauer Stadtschreiber Peter Eschenloer. In: Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Alterthum Schlesiens 5 (1863), S. 57-63.

Bildgroßansicht

Ansicht von Breslau, aus: H. Schedel 'Liber Chronicarum', Ex. München, BSB, Rar 287 (digital), fol. CCXXXIIIIf.

Version vom 21. 05. 2014 (MRFH). Permanent Link: mrfh.de/0010.