MR Übersetzungsliteratur
im dt. Frühhumanismus

MRFHMarburger Repertorium zur
Übersetzungsliteratur im deutschen Frühhumanismus

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Arigo

Leben und Werk

Hinter dem Pseudonym Arigo, der italienischen Form für 'Heinrich', verbirgt sich der Übersetzer der ersten deutschen Gesamtübertragung des 'Decameron'. Dieser Übersetzer ist nicht, wie man früher annahm, mit dem Nürnberger Heinrich Schlüsselfelder, dem Schreiber einer Handschrift der 'Blumen der Tugend' (St. Gallen, Vad. Ms 484) identisch. Auch ältere Identifizierungen des 19. Jahrhunderts, etwa Karl Dreschers Versuch, ihn mit Heinrich Leubing, dem Pfarrer von St. Sebald in Nürnberg, zu identifizieren, oder die Annahme des Herausgebers Adelbert von Keller, der Ulmer Frühhumanist Heinrich Steinhöwel habe die Übersetzung angefertigt, erwiesen sich als falsch. Welchen Anteil Steinhöwel an der Drucklegung hatte, die zwei Jahre nach seinen Übersetzungen von Boccaccios 'De claris mulieribus' und Petrarcas 'Griseldis' in seinem Hausverlag, der Druckoffizin Johann Zainers, in Ulm erschien, bleibt unklar. Jedenfalls reiht sich das deutsche 'Decameron' nahtlos in das von Steinhöwel initiierte humanistische Verlagsprogramm ein (vgl. Amelung S. 18).

Was wir über den Decameron-Übersetzer wissen, basiert auf den wenigen Erkenntnissen, die man aufgrund sprachlicher und stilistischer Merkmale bislang dem Text entnehmen konnte. Arigos Sprache verweist auf den bair.-österr. Raum südlich der Donau, am ehesten nach Tirol. Hierauf deuten vor allem der Wortschatz, aber auch gelegentliche Abweichungen von Boccaccios Text — so z.B. Arigos Anspielung auf Poczen an der Etsche (484,13). Sein Stil, der Hang zur syntaktischen Mehrgliedrigkeit, insbesondere die Neigung zu Doppelformeln, scheint von der Kanzlei beeeinflußt, seine Rhetorik läßt eine geistliche Ausbildung vermuten. Im Übersetzungsstil steht Arigo eher dem wort-uz-wort-Prinzip des Niklas' von Wyle als dem freieren Bearbeitungsstil Heinrich Steinhöwels nahe. Sein Publikum dürfte in der erberen Gesellschaft zu suchen sein, den edelen frowen und mannen, die Arigo in der lieta brigata der Rahmenerzählung Boccaccios vorgebildet sah und in deren Kreis sich der deutsche Übersetzer — unter Nennung seines Pseudonyms — selbstbewußt als neuer novellatore gesellt, um seine eigene Vorrede zu beschließen. Dies setzt literarische Kennerschaft beim Autor wie seinem Publikum voraus.

Neuerdings hat Lorenz Böninger Henricus Martellus, den er mit dem in Florenz lebenden Deutschen Arrigho di Federigho della Magna im Umfeld des berühmten Astronom Nicolaus Germanus identifiziert, als Autor des deutschen Decameron ins Spiel gebracht. Die Lebensdaten und -umstände dieses Kartenmalers widersprechen jedoch dem bisherigen Autorprofil. Weder ist für den in den Diensten des Nicolaus Germanicus nachgewiesenen Hausangestellten Arrigho di Federigho della Magna eine literarische Tätigkeit bekannt noch stimmt der von Böninger als Beweis angeführte Archiveintrag von 1480 mit dem Entstehungsdatum der Übersetzung überein, die in jedem Fall vor 1476, dem Zeitpunkt der Drucklegung, angefertigt sein muß.

Verf.: cbk.

Literatur:

Amelung, P.: Der Frühdruck im deutschen Südwesten 1473-1500. Eine Ausstellung der Württemb. Landesbibl. Stuttgart 1979, S. 18 u. Nr. 138.
Baesecke, G.: Arigo der Übersetzer des Decamerone und des Fiore di virtù. Eine Untersuchung von Carl Drescher. In: AfdA 28 (1902), S. 241-257.
Baesecke, G.: Arigo. In: Zeitschrift für deutsches Altertum 47 (1904), S. 191.
Bertelsmeier-Kierst, C.: Zur Rezeption des lateinischen und volkssprachlichen Boccaccio. In: Aurnhammer, A./ Stillers, R. (Hgg.): Giovanni Boccaccio in Europa. Studien zu seiner Rezeption in Spätmittelalter und Früher Neuzeit (Wolfenbütteler Abhandlungen zur Renaissance-Forschung 31). Wiesbaden 2014, S. 131-153, hier S. 146-151.
Bertelsmeier-Kierst, C.: 'Griseldis' in Deutschland. Studien zu Steinhöwel und Arigo (GRM-Beiheft 8). Heidelberg 1988.
Bertelsmeier-Kierst, C.: Wer rezipiert Boccaccio? Zur Adaption von Boccaccios Werken in der deutschen Literatur des 15. Jahrhunderts. In: ZfdA 127 (1998), S. 410-426, insb. 420-424.
Bertelsmeier-Kierst, C.: Artikel 'Schlüsselfelder, Heinrich -> Arigo'. In: Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes. 2., vollständig überarbeitete Auflage. Hg. von W. Kühlmann. Band 10 Ros-Se (2011), S. 427f.
Böninger, L.: Die deutsche Einwanderung nach Florenz im Spätmittelalter. Leiden 2006, insb. S. 313-348.
Drescher, K.: Arigo, der Übersetzer des „Decamerone“ und des „Fiore di Virtù“. Straßburg 1900.
Keller, A. v. (Hg.): Decameron von Heinrich Steinhöwel (Bibliothek des literarischen Vereins 50). Stuttgart 1860 (digital).
Müller, J.-D.: Arigo. In: 2VL 11 (2004), Sp. 125-130.

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Beginn des 'Decameron'-Erstdrucks. Quelle: München, BSB, 2 Inc.s.a 218, Bl. 1a.

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'Decameron'-Rezeption in Stein am Rhein. Quelle: Griseri, A.: De fronte al 'Decameron'. L'etá moderna. In: Branca, V. (Hg.): Boccaccio visualizzato. Narrare per parole e per immagini fra Medioevo e Rinascimento. Bd. 1 (Biblioteca di storia dell'arte 30,1). Turin 1999, S. 155-211, hier S. 157.

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'Decameron'-Rezeption in Stein am Rhein, Detailansicht zur Novelle V, 6. Quelle: Griseri, A.: De fronte al 'Decameron'. L'etá moderna. In: Branca, V. (Hg.): Boccaccio visualizzato. Narrare per parole e per immagini fra Medioevo e Rinascimento. Bd. 1 (Biblioteca di storia dell'arte 30,1). Turin 1999, S. 155-211, hier S. 158.

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'Decameron'-Rezeption in Stein am Rhein, Detailansicht zur Novelle IV, 7. Quelle: Griseri, A.: De fronte al 'Decameron'. L'etá moderna. In: Branca, V. (Hg.): Boccaccio visualizzato. Narrare per parole e per immagini fra Medioevo e Rinascimento. Bd. 1 (Biblioteca di storia dell'arte 30,1). Turin 1999, S. 155-211, hier S. 158.

Version vom 18. 04. 2014 (MRFH). Permanent Link: mrfh.de/0004.